Institut Sergio Motosi zum Studium der internationalen Arbeiterbewegung
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Bulletin des Internationalismus

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Inhaltsangabe - 174 Sptember-Oktober 2018

1) Die historische Wende zwischen China und Vatikan kennzeichnet die multipolare Auseinandersetzung

2) Genua zwischen Seidenstraße und Morandi-Brücke

3) Ideologie und Massenmedien im neuen politischen Zyklus

Europäische Chroniken:
4) Theresa May tastet sich zu einem „soft Brexit“

5) Zentristisches Votum in Bayern

6) Die türkische Krise und die „zerbrechlichen Fünf“

7) Wahl-Erdbeben in Obradors Mexiko

8) Die neue strategische Phase von Moskau aus gesehen

Kriegsindustrie und europäische Verteidigung:
9)Strategische Autonomie als Europas Rätsel  

 Asiens Giganten:
10) Die Konferenz der 7.000 Kader  

11) Boxen und Wrestling in Trumps handelspolitischer Herausforderung  

12) Das Deutschland von Weimar und die Revolution

13) Ein Kampf für die Klasseneinheit

Die historische Wende zwischen China und Vatikan kennzeichnet die multipolare Auseinandersetzung

22. September 2018, Abkommen zwischen Peking und dem Vatikan über die Ernennung der Bischöfe und die Wiedervereinigung der Katholiken in China. So sehr man sich in Rom, im Rahmen der diplomatischen Vorsicht, auch im Tonfall zurückhält, hat die Übereinkunft für die Kirche doch eine historische, jahrhundertalte Tragweite, so wie sie auf die Mission des Jesuiten Matteo Ricci Ende des 16. Jahrhunderts verweist. Sie den politischen Zyklus der multipolaren Auseinandersetzung, wegen der Xi Jinping gebotenen Legitimierung, in einem Moment harter Konfrontation über den Aufstieg Chinas zur globalen Macht. Unmöglich darin nicht das Spiegelbild des epochalen Übergangs sehen, wie es auch die interne Auseinandersetzung zwischen den katholischen Strömungen bei der Verlagerung des Baryzentrums der kapitalistischen Entwicklung und der Festlegung einer neuen Machtverteilung vom Westen nach Asien verrät.

Im Februar und im März 2013 sahen wir in der dramatischen Ablösung zwischen Joseph Ratzinger und Jorge Mario Bergoglio eine "kalkulierte Diskontinuität", deren Erklärungsschlüssel gerade in den "Dilemmata der Globalisierung" gesucht werden musste. Im ersten Artikel über Ratzingers Rücktritt und die "Krise des Papsttums" riefen wir den historischen Zusammenhang zwischen der Kirche und dem internationalen Mächtesystem in Erinnerung: "Das vatikanische Rom wurde beim "Konzert der Mächte" des Europas des 19. Jahrhunderts zu einer Dreifaltigkeit, die im Hintergrund aktiv war, sich aber auch an den Fronten der beiden imperialistischen Weltkriege einspannen ließ. Sie gehörte zu den ideologischen Bollwerken der 1945 in Jalta vollzogenen Teilung und trug dann zur Auflösung jener bipolaren Struktur der Mächtebalance bei. Sie ging eine organische Beziehung zur europäischen Einigung ein und stand schließlich vor der Aufgabe, die multipolare Weltordnung des neuen Jahrhunderts bewältigen zu müssen."

Über das Papsttum von Benedikt XVI. verwiesen wir auf das Urteil von 2005, das auf Grundlage der Skizze von Ratzingers Reflektionen in den Jahren der Glaubenskongregation formuliert worden war: "Vor acht Jahren hoben wir den euro-atlantischen Zug der von Joseph Ratzinger verfolgten Linie hervor – in der Wechselwirkung zwischen der europäischen Verwurzelung, der Effizienz der amerikanischen Lösung für das Verhältnis von 'Unabhängigkeit und öffentlicher Relevanz des religiösen Faktors' sowie der Hilfsrolle für die herrschende Ideologie, die die katholische Organisation im Westen 'im epochalen Übergang der Verlagerung des globalen Baryzentrums zum aufstrebenden Asien' politisch anbieten konnte."

Schwerlich würde jene "strategische Achse" aufgegeben werden, konnte man voraussagen, allerdings zeichnete sich eine "multipolare Kirche" ab, die "die Formen ihrer Zentralisation neu festlegen" musste. In den kommenden Jahrzehnten hätte der Vatikan den Widerspruch "zwischen einer seit vielen Jahrhunderten bestehenden Verankerung in Europa und im Westen, die durch die sozialen Charakteristika der imperialistischen Reife herausgefordert wird, und der Etablierung von vier oder fünf weltweiten Verankerungspolen, die mit dem Aufstieg der neuen globalen Mächte im Multipolarismus zusammenhängen", in Angriff nehmen müssen.

Der zweite Artikel von 2013 kommentierte die Auseinandersetzung unter den Bischöfen rund um die Wahl von Bergoglio. Ein nicht europäischer Papst unterstrich gerade "die Frage der Formen der katholischen Zentralisation". Das Urteil einer "kalkulierten Diskontinuität" ging von der Kontinuität der Reflektion mit Ratzinger über dieses entscheidende Thema aus, das ein bisschen die "Parteitheorie" ihrer Organisation ist – der Einzigen, die über ein wirklich weltweites Verankerungsnetzwerk verfügt. Bereits 1969 spielte Ratzinger mit dem Gedanken an eine Rückkehr zu einer Vielfalt von Patriarchaten, wie in der Kirche der ersten Jahrhunderte – einem Weg, um das Schisma mit der orthodoxen Kirche beizulegen, aber auch um den Kirchen Asiens und Afrikas "eine eigene Form als eigenständige 'Patriarchate' oder 'Großkirchen' zu geben".

In der Dialektik zwischen römischer Vormachtstellung und lokalen Kirchen wurden in der Geschichte des Katholizismus die zentrifugalen Tendenzen immer von "realen Kräften" geschürt: dem entstehenden deutschen Bürgertum mit der protestantischen Reformation, der englischen Monarchie wegen des anglikanischen Schismas, der französischen Monarchie mit den Ansprüchen des Gallikanismus und so weiter. Das strategische Herzstück des neuen Papsttums – lautete die Schlussfolgerung – habe darin bestanden, jene Dialektik in den von der Globalisierung diktierten neuen Proportionen in Angriff zu nehmen:

"Was dieser plurale Prozess sein wird, nun wo die Mächte mit kontinentaler Dimension, wie Brasilien und Indien oder wie China, dass allein so viel wiegt wie der gesamte Westen, ihm die Substanz verleihen, kann niemand sagen, nicht einmal am Petersplatz. In miteinander konkurrierenden imperialistischen Großmächten verwurzelten, 'eigenständigen Großkirchen': da weiß man nicht, wie berechenbar sie, trotz des verbindenden Netzwerks der päpstlichen Führungsrolle, wären. Die Gleichung des 'Pluralismus in der Einheit' weist dieselben Unbekannten auf wie die internationale Auseinandersetzung und wie die Dialektik von 'Einheit und Spaltung' des imperialistischen Mächtesystems."

Nehmen wir drei Ergänzungen an jenem Analyserahmen vor. Die erste lautet, dass er durch die Einrichtung des K9-Rates, der Bergoglio zur Seite stehen wird, eine annähernde Bestätigung gefunden hat. Eine Art, um den großen Weltregionen der katholischen Verankerung Vertretung zu verschaffen und sie in die Neudefinition der pluralistischen Zentralisation des Vatikans einzubeziehen. Die zweite lautet, dass das Abkommen über die Kirche in China dasselbe Kennzeichen hat und zwar so sehr, dass es an eine künftige chinesische Präsenz in dem Rat denken lässt. Im Übrigen ist es plausibel, dass die Verhandlungen gerade durch das vom vatikanischen Zentrum angenommene plurale Kennzeichen erleichtert wurden, die nicht-europäische Herkunft Bergoglios inklusive, gerade weil dadurch in gewisser Weise der dominante Zusammenhang zwischen der katholischen Organisation und dem Westen relativiert wurde. Die dritte Überlegung lautet, dass ein großer Teil der Spannungen, die heute die katholische Organisation durchziehen, letztendlich die Widerstände oder auch nur die Reibungen gegenüber einer "multipolaren Kirche" widerspiegeln. Es sind nämlich amerikanische und zum Teil europäische Strömungen, die sie nähren, und es ist entscheidend festzustellen, dass das den Verwerfungsbewegungen im Mächtesystem Widerhall verschafft. In diesem Sinne handelt es sich um die Widerspiegelung des politischen Zyklus des atlantischen Niedergangs auch in Bezug auf diesen besonderen politisch-religiösen Überbau der herrschenden Klasse.

Mit dem praktischen Kern des Abkommens zwischen Rom und Peking beschäftigen wir uns nicht, auch weil der Text vertraulich bleibt. Das, was ausschlaggebend ist, ist der Kompromiss über die Ernennung der Bischöfe, die dem Vatikan das letzte Wort überlässt. Eine Spur ist sicherlich der Aufsatz von Giovanni Sale in "La Civiltà cattolica" vom 17. März, der die Wechselfälle des Konkordats von 1801 mit dem Frankreich Napoleon Bonapartes rekonstruiert. Die Überwindung des Schismas der "verfassungsmäßigen Kirche", der schwierige Prozess des Kittens im neuen Episkopat und der Kompromiss auf Grundlage der "königlichen Doktrin", die dem französischen Staat die Wahl der neuen Bischöfe überließ und Rom ihre Bestätigung, eignen sich als Parallele zu den heutigen Entwicklungen in China, angefangen bei der komplizierten Neuzusammensetzung des offiziellen Netzwerkes der Patriotischen Assoziation und dem halblegalen, mit dem römischen Zentrum verbundenen.

In der katholischen Debatte ist der explizite und sogar realistische Zuschnitt von großem Interesse, mit dem die politischen und strategischen Implikationen der Übereinkunft diskutiert werden. Elisa Giunipero, Dozentin an der Katholischen Universität in Mailand, schreibt im "Avvenire", dass das Abkommen in erster Linie durch Taiwan und durch Hongkonger Kreise behindert wurde, aber auch durch "bedeutende politische, militärische und finanzielle Gruppen innerhalb der westlichen Welt und mit Interessen, die zu den chinesischen in Konflikt stehen". So würden sich "die jahrelang von Geheimdiensten verschiedener Länder durchgeführten Sabotageaktionen und zuletzt eine umfangreiche amerikanische Kampagne" erklären, "die die von der amerikanischen Diplomatie gezeigte ausdrückliche Gegnerschaft begleitete".

Andrea Riccardi von der Gemeinschaft Sant'Egidio verfügt seit Jahren über eine eigene Ausarbeitung über die päpstliche Außenpolitik. Bereits im März betonte er im "Corriere della Sera" hervor, dass die Aussichten auf eine Übereinkunft mit China Reaktionen in den USA hervorriefen, die an die Rhetorik des Kalten Krieges gegen die Ostpolitik des Vatikans erinnerten. Rom wurde der "Nachgiebigkeit" beschuldigt. "Das Abkommen wurde als Abgrenzung des Heiligen Stuhls vom Westen und von den Vereinigten Staaten wahrgenommen." Riccardi zufolge ist "die Absonderung vom Westen doch auch bei Johannes Paul II. geschehen, dem Papst der Anliegen des Südens, aber auch intensiver (auch politischer) Verbindungen zu Europa und den Vereinigten Staaten". Dass der Katholizismus "keine religiöse Agentur des Westens" sein darf, ist seiner Ansicht nach "konstante Linie der Päpste des 20. Jahrhunderts, auch wenn sie nicht immer leicht umzusetzen war". Jedenfalls ist die Diplomatie des Vatikans "in einer multipolaren Welt" ihrer Natur nach eine andere als die des Kalten Krieges. Übrigens macht sich Riccardi in der Rubrik der Zeitschrift "Famiglia Cristiana", in der die Außenpolitik des Vatikans popularisiert wird, die strategische Option, die wir als imperialistischen Europäismus bezeichnen, gerade im Verhältnis zum Aufstreben Asiens zu eigen:

"In der langfristigen Perspektive wird man sich fragen, wie die europäischen Staaten allein die großen Herausforderungen der Zivilisation, die von (politisch und ökonomisch) gewichtigen Ländern wie Indien und China gestellt werden, bewältigen könnten. Werden sie nicht von einer Geschichte geschluckt, die größer ist als sie? Die Welt braucht ein starkes Europa. Das ist der Kontinent der Demokratie, der Freiheit, der Menschenrechte und der Kultur, aber auch einer wirtschaftlichen und militärischen Supermacht (wenn die europäische Armee realisiert wird)."

In den Dosierungen einer Politik für die "multipolare Welt" – bleibt anzumerken – kann die katholische Kirche, wenn sie die neuen aufstrebenden Kräfte repräsentieren will, sicherlich nicht zur "religiösen Agentur" der alten Mächte verflachen. Aber das bedeutet nicht die Aufgabe der strategischen Option, die wir als euro-vatikanische Partei bezeichneten. Der Vatikan kann nicht darauf verzichten, sich als eine Kraft der Befriedung und der Versöhnung darzustellen. In unseren marxistischen Begriffen ist er ein Bereich des einheitlichen Moments, der die Interessen der Mächte des weltweiten Imperialismus begleitet. Aus demselben Grund jedoch kann, gerade indem der Mantel einer pluralen Vertretung auch auf die neuen, aufstrebenden Mächte ausgebreitet wird, jener Anspruch der Einheit gar nicht anders als unter den Widersprüchen der Spaltung zu leiden, das heißt dem Aufeinanderprallen der rivalisierenden Interessen der Zentralen des Imperialismus.

Das Problem tritt in dem Kommentar des Jesuiten Antonio Spadaro in einer von "La Civiltà Cattolica" herausgegebenen Sonderausgabe zu Tage. Für Bergoglio "besitzen die westliche Welt, die östliche Welt und China alle die Fähigkeit das Gleichgewicht des Friedens aufrechtzuerhalten und die Stärke, es zu tun". In seiner Auffassung ist das Gleichgewicht allerdings nicht "Frucht des Kompromisses und der Aufteilung", wie im "Modell Yalta", sondern des Dialoges. Im Übrigen "kreuzt" das Abkommen zwischen China und dem Vatikan "die internationalen Szenarien, die mit dem spezifischen Gewicht verbunden sind, dass China angenommen hat" – einer "historischen Passage", wo die "pastorale" Linie des Vatikans "eine bedeutende Auswirkung auf die geopolitischen Dynamiken haben kann. In der Hoffnung, dass sich die katastrophalen Perspektiven, die jemand mehrmals befürchtet hat, entschärfen lassen. Andererseits wurde das Abkommen vom 22. September ohne 'Beschützer' unterzeichnet und sogar indem man sich denen gegenüber ungehorsam verhielt, die einen Heiligen Stuhl wollten, der sich den Anweisungen des Rennstalls der starken westlichen Mächte unterwirft."

Die Möglichkeit eines, durch das chinesische Vordringen ausgelösten, größeren Konfliktes gehört zur strategischen Reflektion der Politik des Vatikans.

Übersetzt aus "Lotta Comunista" Nr. 577 von Ende September 2018

 

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