Bulletin des Internationalismus

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[important title="Inhaltsangabe - 188 Januar-Februar 2021"]

1) Der RCEP zwischen „fliegenden Gänsen“ und „Leitdrachen“

2) Amerikanische Krise und imperialistische Demokratie

3) Die amerikanische Krise misst Europas und Japans strategische Autonomi

EUROPÄISCHE CHRONIKEN:
4) Armin Laschet auf Merkels Spuren

EUROPÄISCHE CHRONIKEN:
6) Dilemmata des britischen Niedergangs

AN DEN WURZELN DES DEUTSCHEN ATLANTISMUS:

7) Der „Gründungselan“ zwischen den beiden Kriegen

8) Indo-pazifische Balance im birmanischen Putsch

DIE WAHLEN IN DEN USA:
9) Bidens Taktik im Industriegürtel  

10) Impfstoffe und weltweite Auseinandersetzung

11) Ungewisser und ungleicher Aufschwung  

12) Energetischer Übergang

CHRONIKEN DER SEIDENSTRAßE:
< 13) Das CAI-Abkommen stärkt die „europäische Partei“ in China

ASIENS GIGANTEN: DIE KRISE DER „KULTURREVOLUTION“
14) Canton zieht die Bilanz der „Kulturrevolution“

DEMOGRAPHISCHE TENDENZEN:
15) Die Migrationen stützen die europäische Bevölkerung

16) Eurolöslich

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Weltweite Balance und asiatische Entwicklung

Das Studium der asiatischen Entwicklung und ihrer Auswirkungen auf die Mächtebalance zwischen den Staaten hat unsere marxistische Analyse siebzig Jahre lang beschäftigt.

Anfang der 1950er Jahre schien, nach dem Korea-Krieg, die Konferenz von Bandung der „blockfreien“ Länder in Asien einen „dritten Block“ in Aussicht zu stellen, der sich um China, Indien und auch Japan dreht und der nur bipolaren Dynamik zwischen USA und UdSSR entflieht. Die „Thesen über die imperialistische Entwicklung“ von 1957 sahen eine lange kapitalistische Entwicklungsperiode in den rückständigen Gebieten und zuallererst in Asien voraus.

In den 60er Jahren konzentrierte sich die analytische Aufmerksamkeit auf China und auf seinen Versuch einer autarken Entwicklung nachdem sich die UdSSR nicht in der Lage gezeigt hatte, das notwendige Kapital zu liefern.

Moskau und Peking gelangten 1969 zur bewaffneten Auseinandersetzung. Es war ein kapitalistischer Konflikt zwischen dem UdSSR-Imperialismus und dem jungen chinesischen Kapitalismus. Mit der chinesischen Frage verbunden waren die „indonesische Konterrevolution“, ein 1965 durch die Schwankungen von Jakartas Nicht-Pakt-Gebundenheit zwischen Peking, Tokio und Washington ausgelöstes Massaker und vor allem der Krieg in Vietnam. Schließlich intervenierten die USA auf der indochinesischen Halbinsel, um zu verhindern, dass sich Japans industrielles Potential erneut und in neuen Formen mit der kontinentalen demographischen Masse Chinas verband, so wie es bereits in den 1930er Jahren auf militärischem Wege mit dem japanischen Eindringen in die Mandschurei geschehen war.

In den 1970er Jahren war die Erkenntnis der asiatischen Entwicklung der Schlüssel, um die Krise von 1973, die durch den arabisch-israelischen Krieg und durch den Erdölschock ausgelöst wurde, als Umstrukturierungskrise und nicht als allgemeine Krise des kapitalistischen Systems zu kennzeichnen. Die alten Gebiete, die Metropolen des Imperialismus, fanden eine Lösung für ihre Krise in der Expansion der neuen, in Entwicklung

begriffenen Gebiete. Nach der Öffnung von Nixon und Kissinger gegenüber China bewegte die imperialistiche Aufteilung in Asien ein „vierpoliges Spiel“ zwischen den Vereinigten Staaten, der UdSSR, Japan und China.

In den 80er Jahren sorgte die Umstrukturierung dafür, dass Deutschland und Japan gestärkt wurden und eben auch die NIC, die Mächte der neuen Industrialisie- rung in Asien und dem Pazifikraum. Das aufstrebende Asien trieb den Zyklus des imperialistischen Freihandels an. Die beschleunigte Veränderung der Mächtebeziehungen führte zu einer neuen Auseinandersetzung:

Die Achse zwischen Bonn und Paris bewegte sich mit dem EWS in Richtung Währungsunion. Tokio versuchte seinen politischen Aufstieg mit der neo-nationalen Strategie von Yasuhiro Nakasone. Zwischen Europa und Asien in die Zange genommen, verfing sich Moskau im Afghanistan-Feldzug. Gleichzeitig geriet auch Teheran, nachdem das Schah-Regime versunken war, in den Konflikt mit dem Irak – einem Massaker, das mit dem Grabenkrieg von 1914-18 vergleichbar war.

In den 1990er Jahren zerbrach die UdSSR gerade aufgrund der Unfähigkeit, die Kombination zwischen der Herausforderung der Aufrüstung der Vereinigten Staaten und den sehr starken asiatischen Wachstumsrhythmen standzuhalten. Washington versuchte sich im Zentrum jeder Balance, im Atlantik und im Pazifik, mit dem ersten Golfkrieg 1991 zu bestätigen. In jenem

Bruch der strategischen Ordnung zeigte sich die Parallele zum 16. Jahrhundert, weil sich das Baryzentrum der Weltwirtschaft vom Atlantik zum Pazifik verlagerte.

Deutschland wiedervereinigte sich und Europa beschleunigte den Vorstoß zur Gemeinschaftswährung, doch es war eine doppelte Beschleunigung, weil China die Gelegenheit für einen neuen Sprung von Deng Xiaopings Strategie der „Öffnung und Reformen“ wahrnahm und dem weltweiten Freihandels-Zyklus neuen Schwung verlieh. Deutschland hatte auch dank des asiatischen Eindringens einen strategischen Hebel in die Hand bekommen.

Eine neue Gruppe von Mächten, die asiatischen Tigerstaaten der ASEAN, gesellte sich bei der Ankurbelung des Entwicklungszyklus bis zur Internationalisierungskrise von 1997 zu den NIC hinzu. Japan, unfähig 1991 militärisch im Irak einzugreifen, hatte bereits erlebt, wie seine Bestrebungen nach strategischer Autonomie Schiffbruch erlitten. Als es sein verlorenes Jahrzehnt auf der ökonomischen und strategischen Ebene in der Krise von 1997 in Angriff nahm, ließ Tokio auch seine letzte Gelegenheit ein eigenes strukturiertes Gebiet in der Region zu definieren ungenutzt, als der Vorschlag eines Asiatischen Währungsfonds in der Opposition von Amerika, Europa und China aufgegeben wurde. Unterdessen wurde mit Indiens Aufstieg zur Atommacht das vierpolige Spiel in Asien zu einem fünfpoligen.

Die 2000er Jahre wurden hingegen entscheidend für den imperialistischen Aufstieg Pekings. Chinas Beitritt zur WTO öffnete ihm den Weg als Weltfabrik. Die Vereinigten Staaten hatten mit Erfolg auf die asiatische Balance gesetzt, indem sie Japan eindämmten, um es daran zu hindern, ein mit der EU vergleichbares Gebiet zu schaffen und zu diesem Zweck Chinas Aufstieg begünstigt.

Nun mussten sie jedoch mit einer vervielfachten Drohung fertig werden: dem chinesischen Drachen, mit der demographischen Dimension von zehn Japans.

Die Verschiebung in den Mächtebeziehungen versprach kolossal zu werden. Das war die neue strategische Phase, die die Voraussetzungen der „Thesen“ von 1957 und auch der Analyse der Umstrukturierungskrise von 1973 modifizierte. Aus dem, was in den 50er Jahren

das Gebiet der asiatischen Rückständigkeit war und so lange die Lösung für die Widersprüche der alten Mächte, trat nun die chinesische imperialistische Macht hervor, die immer mehr in der Lage war die Regeln der neuen Ordnung auszuhandeln. Die Auseinandersetzung nahm das Kennzeichen der Konfrontation zwischen sehr großen Staaten oder Kräften von kontinentaler Dimension an. Im atlantischen Niedergang und im asiatischen

Aufstieg wäre der Kampf viel krampfhafter und die Kombination aus Entwicklung und Krise viel holpriger und von Spannungen durchzogen gewesen, die schwieriger einzudämmen waren. Mit dem zweiten Irak-Krieg im Jahr 2003, dem „gewollten Krieg“ von George W. Bush, versuchten die Vereinigten Staaten gerade Chinas Tempo zu konditionieren, indem sie die Energieader des Persischen Golfs ergriffen, doch das Ergebnis jenes unilateralen Versuchs war desaströs. 2008 machte die Krise der globalen Beziehungen die Dinge noch komplizierter, indem sie den atlantischen Niedergang und das chinesische Eindringen beschleunigte. In der zweiten Halbzeit der neuen strategischen Phase gab Peking die Taktik der Zurückhaltung auf, die von Deng stammte. In wenigen kommenden Jahrfünften wird man

sich zwischen einer Kette von Spannungen und mörderischen Konflikten oder einem großen Krieg zwischen den größten Mächten entscheiden.

Eben: Siebzig Jahre lang die lange asiatische Entwicklung begriffen und analysiert zu haben, erlaubte es, den roten Faden der Strategie zu erfassen. Der internationalistische Kampf konnte dadurch in der Autonomie von allen Einflüssen des Imperialismus und von allen Ideologien ausgerichtet werden. Und die unmittelbaren Aufgaben der revolutionären Partei brauchten eine erfolgreiche wissenschaftliche Basis.

 

Übersetzt aus „Lotta Comunista“ Nr. 604 von Ende Dezember 2020